Weiße Zähne und Schwarzer Tod

Zähne sind ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens, doch auch nach dem Tod können sie als „stumme Zeugen“ wertvolle Informationen bereithalten. Dieser aus zahlreichen Kriminalfällen bekannte Umstand liefert uns heute interessante Erkenntnisse über eine der verheerendsten Seuchen aller Zeiten …

Die Pest – ein Trauma der Menschheit wie vielleicht kein zweites, resultierend aus Massensterben, dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und Bildern wie vollgeladenen Pestkarren, Ärzten mit sonderlichen Schnabelmasken, dem unaufhörlichen Klang der Totenglocken und düsterer Hoffnungslosigkeit. Doch der exakte wissenschaftliche Nachweis, dass es tatsächlich der Pesterreger war, der für diese Apokalypsen der Vergangenheit verantwortlich war, und nicht etwa eine andere Krankheit, ist überraschend schwer zu erbringen. Zunehmende Skepsis angesichts der unglaublichen Opferzahlen und Weltuntergangsszenarien in geschichtlichen Quellen machte sich daher in den vergangenen Jahrzehnten bei Medizinern und Historikern breit: War es wirklich die Pest, die die mittelalterliche Welt (mehrmals) in den Abgrund stürzte? Eine Frage, die mit Blick zurück und womöglich auch nach vorn – denn den Erreger gibt es immer noch – durchaus wichtig erscheint. Ihre Antwort findet sich den Zähnen der Opfer.

Frühjahr 2020, die Zeit von Corona: Die Krise rund um die Covid-19-Erkrankung mit ihren medizinischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen bestimmt in den letzten Monaten das Leben von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. Doch reicht diese Pandemie – trotz ihrer enormen Auswirkungen – bei weitem nicht an die großen Seuchenzüge früherer Jahrhunderte heran. Die folgenschwersten waren wohl die der Pest im frühen und späten Mittelalter: Insgesamt jeder Dritte verstarb in der Alten Welt etwa am Schwarzen Tod, der die Pestpandemie  1347 bis 1353 bezeichnet, in großen Städten soll es sogar jeden Zweiten getroffen haben. Schon die „Justinianische Seuche“ im frühen Mittelalter im 6. Jahrhundert wartete mit ähnlich desaströser Todesstatistik und entsprechenden Folgen auf. In beiden Fällen galt – mehr oder weniger ungeprüft –die Pest als verantwortlich, die die Zeit umwarf. Fest steht: Die Seuchenzüge waren tiefe Zäsuren in der Geschichte der Menschheit, insbesondere in der Europas.

Erstmals identifiziert wurde das winzige, aber tödliche Bakterium Yersinia pestis im Jahr 1894 vom Franzosen Alexandre Yersin. Übertragen wird es vom Rattenfloh. Doch wurden angesichts  der medizinischen Unkenntnis im Mittelalter tödliche Seuchen oft pauschal als „Pestilenz“ bezeichnet, unabhängig davon, welcher Ursache sie waren. Es tat sich also eine Wissenslücke auf: Handelte es sich bei den beiden oben genannten Pandemien nun wirklich um die Pest? Erst seit erstaunlich kurzer Zeit gibt es eine klare Antwort: Ja, es war der Erreger Yersinia pestis. Denn er hat Spuren hinterlassen – unter anderem versteckt in Zähnen!

2014, London: Ein Gräberfeld im Zentrum der britischen Metropole, das im 14. Jahrhundert noch außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern lag, wurde mit historischen Berichten in Verbindung gebracht, wonach es sich um einen Pestfriedhof aus der Zeit des Schwarzen Todes handelt. Und tatsächlich: Nachdem zwölf Skeletten je ein Zahn extrahiert und diese auf DNA-Spuren untersucht wurden, fanden die Forscher in mehreren Zähnen Yersinia pestis – der mikroskopisch kleine Erreger wurde als Täter überführt. Weitere Untersuchungen an Zähnen von vergrabenen Opfern in anderen Ländern bestätigten die These, dass die große Pestpandemie im späten Mittelalter auf diesen Erreger zurückgeht – und mehr noch: Er schien sich im Lauf der Zeit auch kaum verändert zu haben, wie Vergleiche von Laborergebnissen aus 34 Zähnen von Leichnamen aus dem Zeitraum vom 14. bis 17. Jahrhundert zeigten. Den aus den Zähnen gewonnenen Pestgenen zufolge, handelte es sich dabei um ein und den gleichen Erregerstamm, der sich ursprünglich vom Osten nach Europa verbreitete.

Was ist aber mit der „Justinianischen Seuche“, die im Frühmittelalter, also rund 800 Jahre vor dem Schwarzen Tod, Europa heimsuchte? Konnten Zähne auch hier eine Antwort auf die Frage finden, ob Yersinia pestis der wahre Auslöser war? Aschheim, im Landkreis München: Ein Gräberfeld mit über 400 Gräbern, die ungefähr auf das 6. Jahrhundert und damit auf die Zeit der „Justinianischen Seuche“ datiert wurden, gibt das Geheimnis preis. Zwei Skeletten wurden Zähne entnommen und in ihnen wiederum nach DNA gesucht. Volltreffer: Auch diese beiden Opfer aus Aschheim waren an der Pest gestorben, der Erreger wurde anhand der Gen-Funde aus dem Zahnmaterial überführt.

Das Rätsel rund um die großen Pestpandemien des frühen und späten Mittelalters ist also dank der Zahnuntersuchungen gelöst. Doch vorbei ist diese Geschichte damit noch nicht. Denn die Wissenschaftler, die die DNA aus dem beschaulichen Aschheim analysierten, fanden noch etwas anderes und durchaus beängstigendes heraus: Der identifizierte, tödliche Stamm von Yersinia pestis aus dem 6. Jahrhundert ist genetisch eng mit dem Pestbakterium verwandt, das heute noch in Nagetieren im Osten Asiens schlummert…

Ausstellungs-Tipp:

Der Pest und ihren Folgen ist aktuell eine große Sonderausstellung des Landesmuseum-Herne gewidmet, die aufgrund der aktuellen Corona-Krise verlängert wurde. Hier werden auch die Gebisse und Zähne der Pestopfer aus Aschheim präsentiert:  https://www.lwl-landesmuseum-herne.de/

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