„Zieh!“ Der Westernheld ist Zahnarzt

Beim Stichwort „Wilder Westen“ denken die meisten Menschen wohl an rauchende Colts, Cowboys und Sheriffs. Zahnärzte spielen in dieser Welt keine Rolle – oder etwa doch? Wir verraten euch, warum Zahnmedizin und Saloon-Schießereien mehr miteinander zu tun haben, als man glaubt …

Staubige Straßen, Pferdefuhrwerke, Gesetzlose mit Colts und abseits von Poststelle, Bahngleisen und Saloons nur eine endlos weite Landschaft mit Kakteen: Der Wilde Westen im 19. Jahrhundert weckt viele Assoziationen, eine allerdings nicht – die eines Zahnarztes im weißen Kittel. Dabei gibt es erstaunliche Verbindungen. Denn einer der berühmtesten Westernhelden überhaupt war studierter Zahnarzt, genauso wie der wichtigste Autor von Westernromanen.

Dallas, Texas, 1873: Doc Holliday betritt die Szene. Ein hagerer, stets elegant gekleideter Mann mit gepflegtem Haar und Oberlippenbart. Er hatte 1872 am Pennsylvania College of Dental Surgery promoviert und war in vielerlei Hinsicht eine absolute Ausnahmeerscheinung seiner Zeit. Denn Zahnärzte waren alles andere als alltäglich an der Grenze der bekannten Welt – dentale Eingriffe beschränkten sich fast immer nur auf die Extraktion übel infizierter Zähne, die Schmerzen verursachten, deren Intensität einem veritablen Bauchschuss nahekamen. Ausgeführt wurden die Prozeduren unter unterirdischen hygienischen Bedingungen von Berufsfremden. Ob dabei immer der richtige Molar lokalisiert wurde, ist mehr als fraglich. Holliday war da ein ganz anderes Kaliber: Glaubhafte Überlieferungen schildern den Doc als hochversierten Zahnarzt – berühmt wurde er aber durch zusätzliche Skills, die ganz zu den Klischees des Westens passen: Denn tagsüber praktizierte er am Patienten, doch nachts griff er im Saloon zu den Spielkarten. Seinem legendären Ruf als raffinierter Glücksspieler (Poker, was sonst) und standfester Trinker (Whiskey, was sonst) wurde er wohl mehr als gerecht. In die amerikanische Geschichte ging er vor allem wegen seiner schnellen Hand am Colt ein.

Nach einer Schießerei im Saloon musste er Dallas verlassen und ließ sich nach einigen Stationen mit Wyatt Earp – ebenfalls eine Ikone der Westerngeschichte, wenn auch kein Zahnarzt – in Dodge City nieder. Die Tuberkulose hatte er längst im Gepäck, doch warf sie ihn (noch) nicht aus dem Sattel. Earp: „ Doc war ein Zahnarzt, den die Notwendigkeit zu einem Spieler gemacht hatte; ein Gentleman, den die Krankheit zu einem Vagabunden des westlichen Grenzlandes gemacht hatte; ein Philosoph, den das Leben zu einem bissigen Zyniker gemacht hatte; ein hochgewachsener dünner aschblonder Kerl, fast tot durch die Tuberkulose, und zugleich der geschickteste Spieler und der kühnste, schnellste, tödlichste Mann mit einer Schusswaffe, den ich jemals kannte.“

Holliday rette Earp bei einem Hinterhalt das Leben. Später wurde er mit ihm zusammen dank einer Silbermine auch noch reich, doch ließ sich eine Karriere im Wilden Westen kaum ohne den Gebrauch der Schusswaffe machen. Weshalb der Doc auch zur vielleicht berühmtesten Schießerei überhaupt an der Seite der Earp-Brüder antrat: Am 26. Oktober 1881 rauchten die Colts in Tombstone am O. K. Corral gegen die McLaurys und Billy Clanton, die im Kugelhagel getötet wurden. Hollidays Ruf als Revolverheld war spätestens jetzt komplett, dabei hat der legendäre Schusswechsel wohl nur 30 Sekunden gedauert. Nach weiteren (oft tödlichen) Konflikten, zahllosen Pokerpartien und Gläsern Whiskey war 1887 das letzte Kapitel geschrieben. Doc Holliday starb, verarmt, an den Folgen seiner Tuberkulose.

Dass der Wilde Westen überhaupt zum Kulturgut wurde und ein unsterbliches Genre in Literatur und Film, ist dabei ebenfalls einem Zahnarzt zu verdanken: Zane Grey. Aus Ohio stammend, studierte Grey Zahnmedizin und praktizierte auch jahrelang am Patienten. Auf seinen Reisen durch den Westen erkannte er das enorme literarische Potenzial, das verruchte Goldgräberstädte, Westernhelden und die atemberaubende Natur der Prärien und Felslandschaften boten. Denkt man heute an den Wilden Westen, wurden diese Bilder im Kopf zu einem wesentlichen Teil von Zane Grey, dem schreibenden Zahnarzt, geschaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts avancierte er zum erfolgreichsten Westernautor überhaupt – dabei sind seine Romane und Groschenhefte bei weitem nicht so blutgetränkt wie modernere Werke anderer Autoren. Es sind vielmehr die Landschaften und Menschen, die Grey in den Mittelpunkt stellte (aber geschossen wird natürlich auch). Dem breiten Publikum gefiel es auf jeden Fall, was der Zahnmediziner zu Papier brachte: Als er nach über 90 Büchern und dazu vielen Kurzgeschichten sowie zahlreichen daraus resultierenden Verfilmungen den Wilden Westen ins kollektive Bewusstsein gebracht hatte, verstarb Grey im Jahr 1939 – fast 30 Millionen Bücher hatte er zu Lebzeiten verkauft! 

Zeit für ein finales Duell: Doc Holliday und Zane Grey waren reale Zahnärzte, denen der Wilde Westen seinen Ruf bis heute verdankt. Doch betrat 2012 noch ein weiterer Zahnarzt – wenn auch ein fiktiver – die Bühne. Kult-Regisseur Quentin Tarantino schuf mit der Figur des Dr. King Schultz, dargestellt vom für die Rolle mit einem Oscar prämierten Christoph Waltz, einen neuen Westernhelden. Mit klapprigem Behandlungswagen und großem Werbe-Zahn auf dem Dach zieht der erfundene Zahnarzt (der aus Düsseldorf stammt, wie es im Film heißt) einsam durch Amerika und allein in Deutschland folgten ihm viereinhalb Millionen Menschen im Kino. „Django Unchained“ ist die jüngste „dentale“ Anekdote des Wilden Westens und eine besonders wuchtige dazu. Daher hat auch der fiktive Dr. King Schultz das letzte Wort: “Und nicht vergessen. Holen Sie den Sheriff. Nicht den Marshall.” Und nachdem er den Sheriff erschossen hat: “Jetzt können Sie den Marshall holen.”

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