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Dr. Patient übernimmt per Do-it-yourself-Zahnmedizin

Mit Spucke, Sekundenkleber und stahlharter Dichtmasse

von dental News Agency

Als vor langer Zeit Hänschen klein im Berliner Turnverein beim Sturz vom Reck eine schwere Nasenverletzung davontrug, wurde noch ein HNO-Arzt gebraucht. Im Kinderlied heißt es: „Kommt der Doktor Hampelmann, klebt die Nas‘ mit Spucke an. Nun ist gut, halt die Schnut‘, sonst krieg ich die Wut.“

Aber das war früher. Moderne Patienten fragen sich: Wenn die OP so einfach geht, warum kann ich mich dann nicht gleich selbst behandeln? Do-it-yourself, Dr. Patient! Besonders in der Zahnmedizin scheint das in Mode zu kommen – zumindest im Vereinigten Königreich.

Herausgefallene Krone? Kein Problem! Einfach den eigenen Zahn mit einer Metallfeile beschleifen und die Krone mit Sekundenkleber wieder ankleben. So geht adhäsive Befestigung heute1.

Eine lose Brücke? Ebenfalls kein Problem! Dafür gibt es doch sogar zahnmedizinische Produkte, wie etwa Haftcreme für Prothesen1. Do it yourself – DIY!

Ein sehr reales Problem

Nun muss dazu gesagt werden: Diese Fälle haben einen ernsten Hintergrund. Dem öffentlichen Gesundheitssystem NHS (National Health Service) scheinen, zumindest in manchen Regionen, die Zahnärzte auszugehen. So müssen Patienten bei Kassenbehandlungen teilweise lange Wartzeiten in Kauf nehmen.

Gegen Ende des Jahres 2020 versuchten sich sage und schreibe 25 % aller Haushalte im Vereinigten Königreich an wenigstens einer Art von DIY-Zahnmedizin. In Einzelfällen kam es zu 6 bzw. zu 11 Extraktionen eigener Zähne2.

Autoteilehändler wird „Dentaldepot“

Ein 40-jähriger LKW-Fahrer hatte über 4 bis 5 Jahre keinen NHS-Zahnarzt gefunden, in dieser Zeit immer wieder Schmerzen im linken oberen Quadranten gespürt und zweimal selbst den „Übeltäter Zahn 27“ nach Kronenverlust behandelt2: Für die Präparation der Kavität verwendete er ein Notfall-Kit für den Urlaub (Plastik-Spiegel, Zange, Sonde, kombiniert mit einer elektrischen Zahnbürste mit kleinem Bürstenkopf). Der Patient schnitt die Borsten des Bürstenkopfs passend zur Kavität zurecht und brachte damit das Füllungsmaterial ein.

Das „Füllungsmaterial“ hatte er bei einem Händler von Motorteilen und -zubehör für den Do-it-yourself-Bedarf erworben. Es handelte sich dabei offensichtlich um QuikSteel, eine knetbare Epoxidharzmasse. Nach einer Beschreibung auf Amazon ist es sogar eine der stärksten Klebe- und Dichtmassen der Welt und eignet sich unter anderem zum unkomplizierten Reparieren und Abdichten von Löchern3: „Nach einer Stunde hart wie Stahl!“


Quellen

1. Sam Ferguson: Patient ‚glued own teeth‘ as dentists drop NHS work. https://www.bbc.com/news/uk-59874320 (Zugriff am 20.1.2022)

2. David Westgarth: The alarming rise of DIY dentistry. BDJ In Practice 34 (2021): 10-14

3. https://www.amazon.de/QuikSteel-Reparaturmasse-56-8-g/dp/B005554WUO (Zugriff am 20.1.2022)

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